Teehaus

Wiewohl kein lauschiges Idyll, ist der Raiffeisenplatz dennoch ein Raum, der sich herausnimmt aus der ringsum vorherrschenden Umgebung legal brummender Geschäftigkeit. Der Brunnen freilich ist schon eine ganze Weile abgedreht. Immerhin ist seine treppenförmige Anlage dergestalt, dass sich gelegentlich Regenwasser in den drei flachen, gepflasterten Becken sammelt. Zur Freude von Tauben, Spatzen und vereinzelten Kindern, die kletternd auch den Ahorn nutzen.
Ein anderer Baum wird während unseres jüngsten Besuchs als Ziel genutzt: Ein ums andere Mal fliegt ein Messer durch die Luft und bleibt stecken im Stamm. Es meldet sich ein Mann mit nacktem Oberkörper, der sein Smartphone an einen Bluetooth-Lautsprecher angeschlossen hatte und eben noch mit ein paar Leuten am Rauchen war: Jetzt stellt er sich mit dem Rücken an den Stamm. Der mit dem Messer zögert kurz, dann wirft er wieder. Davon unbeeindruckt singt ein anderer zum Spiel auf der Gitarre: „Die Gedanken sind frei.“

Teehaus
Teehaus

Der Raiffeisenplatz in Feldkirch gilt gemeinhin weniger als Hotspot denn als Brennpunkt. Cleanen Kleinstadt-Charme hat er keinen. Aber anderen: Gewachsener Baumbestand, Stehlaternen und zwei altgediente, lange Eckbänke aus dunklem Holz ließen ihn womöglich eher in Graz oder auch in Paris verorten. Seinen geschützten Charakter verdankt der leicht ansteigende Bereich vier sehr unterschiedlichen umrahmenden Fassaden: Da sind die nobel instandgehaltene Rückseite des Palais Liechtenstein und die oft von heruntergelassenen Rollos geprägte Rückfront des namensgebenden Bankinstituts, dazu eine pittoreske Hinterhofansicht mit Lieferanteneingängen, blättrigem Putz, grasgrünen Fensterläden und Ansätzen von Graffiti, gegenüber gepflegte Wohnsubstanz mit Fachwerkelementen.

Teehaus
Teehaus

Gedanken über den Raiffeisenplatz macht sich seit längerer Zeit die POTENTIALe. Kann dieser Platz sich frei spielen von den Vorbehalten, die ihm gelten? Kann es Aufwertung ohne Ausgrenzung geben?
Ihren Namen beim Wort nehmend, hat sich die POTENTIALe vermehrt dahingehend entwickelt, den unmittelbaren und den erweiterten Stadtraum von Feldkirch ganzjährig zu begleiten, Potential zu sichten und Belebung abseits kommerzieller Interessen zu ermöglichen. Wichtiger Partner dieser Arbeit ist im Jubiläumsjahr „Feldkirch 800“ das Stadt/Studio um den Architekten und Dozenten für Interaktive Baukunst Martin Mackowitz, der in anderen Konstellationen bereits maßgeblich beteiligt war an urbanen Interventionen wie „Feldhotel“ oder „Wanderkiosk“.

Jüngster Hingucker, resultierend aus dem Analyse- , Nachdenk- und Entwurfprozess zum Raiffeisenplatz: In markantem Rot und mit angedeutetem Pagodendach leistet neuerdings an der Verbindungsachse zwischen Schmied- und Herrengasse das „Teehaus“ der wenig beachteten schneeweißen Skulptur von Herbert Albrecht am Durchgang zum Domplatz Gesellschaft. Und um Gesellschaft – im engeren wie im erweiterten Sinn! – geht es auch Martin Mackowitz und Wolfgang Schwarzmann in ihren Stadt/Studio-Projekten für Feldkirch.

Teehaus
Teehaus

Das Offen-Sein bezieht sich auf die Nutzung des Teehauses in den kommenden Wochen, möglicherweise Monaten: Die klappbaren Elemente des innen griechischblauen modularen Holzgebäudes lassen unterschiedlichste Verwendungszwecke zu, vom Puppentheater bis zum Würstlstand, vom profanen Beichtstuhl bis zum Comic-Kiosk, von der Fahrradgarage bis zur Bienenhütte oder Schachspielbox.– Und gerade im Sommer bietet sich die tatsächliche Nutzung des schattigen, laubumraschelten Außenraums an, an den das klug proportionierte Bau(kunst)werk mit ebenfalls rot gestrichenen, ausfransenden Bodenelementen bewusst verbindend andockt. Abwarten – und Eistee trinken …!

Kann sich der Raiffeisenplatz zum „Teehausplatz“ mausern? Die Verantwortlichen der POTENTIALe und des Stadt/Studio betonen, dass nicht sie allein den Raum bespielen und Veranstaltungen programmieren wollen – gar noch mit dem Hintergedanken, die soziale Zusammensetzung des Lebens am Raiffeisenplatz zu steuern. Die Aufforderung „Mach Platz!“ gilt allen, richtet sich an alle –mit konstruktiv umgewendeter Bedeutung: Nicht als Aufforderung, sich zu verziehen. Im Gegenteil: Als Anstoß, initiativ zu werden, „Platz“ zu „machen“ eben.

Auf Ideen gespannt ist die POTENTIALe unter potentiale@feldkirch.at oder Telefon +43 5522 73 467.

Zusammenarbeit

Stadt Feldkrich
Universität Liechtenstein
Feldkirch 800
Potentiale
Umsetzung: Ingo Türtscher, Martin Mackowitz, Wolfgang Schwarzmann

Text: Petra Nachbaur
Fotos: Patricia Keckeis